Buchbesprechung:

Manfred Norwat: Die Gesellschaft der Zukunft

Autor: Hans-Jürgen Kleine

Viele große Geister haben es schon vorgedacht oder im Ansatz zu realisieren versucht. Karl Kautsky etwa ordnet in seiner Abhandlung über die Vorläufer des Sozialismus die Urgemeinde des Christentums als Urkommunismus ein. Thomas Morus, den Heinrich VIII. wegen seiner Unbeugsamkeit enthaupten ließ, schilderte in ‚Utopia‘ eine ideale, auf Gemeineigentum beruhende Gesellschaft. Nicht zu vergessen die Frühsozialisten Babeuf, Saint-Simon und  Fourier sowie in der gescheiterten deutschen Revolution 1918-1923 die Konzepte von Theoretikern der Rätebewegung, so 1919 eben jenes von Ernst Däumig. Unbedingt müssen wir auch den DDR-Dissidenten, Insider und damals noch bekennenden Marxisten Rudolf Bahro in diese Kategorie einordnen, hat er doch mit seiner 1977 in Westdeutschland erschienenen ‚Alternative‘ detailliert aufgezeigt, wie sich die „unmittelbaren Produzenten“ aus ihrer Ohnmacht im System der „Vergesellschaftung in der entfremdeten Form“ befreien könnten. Weil Bahro jemand war, der selbst in nichtkapitalistischen Verhältnissen gelebt und gearbeitet hat, ist sein spezifischer Beitrag für die Konstruktion einer zukünftigen, besseren Gesellschaft von außerordentlichem Wert für die heutige emanzipatorische Bewegung.
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Manfred Norwat knüpft, obgleich nicht prominent und an gesellschaftlich exponierter Stelle tätig, an die oben beschriebenen Traditionen an. Damit könnte er eine große Lücke in der Linken schließen, würde er ernst genommen und breiter als bisher publiziert. Denn derlei Anläufe, eine solche revolutionäre Utopie ziemlich konkret vorauszudenken, gibt es zumindest in Deutschland zurzeit nicht. Dem mutigen Versuch ist anzumerken, dass der Autor seine Erfahrung als einstiger Betriebswirt und Sozialpädagoge, der in beiden Sektoren lange tätig war und sich auch politisch engagierte, in die vorgelegte Utopie eingebracht hat. Vorausgeschickt werden kann daher, dass „Die Gesellschaft der Zukunft“ etwas leistet, das in der Linken bislang fehlt, und ähnlich motivierte Konzepte wie etwa Christian Felbers schätzenswerte  ‚Gemeinwohl-Ökonomie‘ (2012)  in machen Aspekten überholt, sodass das hehre Ziel einer besseren, nichtkapitalistischen Gesellschaft nicht nur in vagen Umrissen, sondern in ihren täglichen Abläufen und in der inneren Logik aufgehellt wird. Der Effekt eines solchen Entwurfs ist deshalb nicht zu unterschätzen, nämlich die Motivation, ja, Freude an zielstrebigem antikapitalistischen Engagement nicht nur zu erhalten, sondern ihr einen neuen, tieferen Sinn zu geben.

Bei der Lektüre muss ausdrücklich bedacht werden, dass es hier nicht um die Beschreibung von konkreten Schritten heraus aus der Knechtschaft und Entfremdung des Menschen im kapitalistischen Ausbeutungssystem geht, um den Brückenschlag vom Ist-Zustand zur Eroberung der politischen Macht durch eine entschlossene sozial-revolutionäre Trägerschaft (i.w.S. die abhängig Beschäftigten im Verbund mit der linksgerichteten Intelligenz usw.), sondern um die Beschreibung einer nie dagewesenen historischen Phase, die den neuen Menschen bereits weitgehend geschaffen hat. Nach allen Erfahrungen wissen wir, dass die Aufrechterhaltung einer zukünftigen Gesellschaft der Solidarität und Kooperation kaum minder ständiges Ausprobieren, neues Erdenken und einen regen Diskurs braucht, mithin politische und persönliche Freiheiten, um zu überleben. Deshalb ist es ratsam, dem Autor zunächst einmal willig zu folgen und den großen Nutzen des Werks darin zu sehen, ein attraktives Modell und seine theoretische Funktionsweise vor Augen zu haben, wie es früher oder später einmal aussehen könnte. Insofern bietet sich das Buch als kreative Ergänzung heutiger sozial-revolutionärer, radikalökologischer Parteiprogramme und als attraktive Präsentation einer ungefähren politischen Endzielvision für die heutigen zivilgesellschaflich progressiven Akteure an. Allerdings in der vorliegenden Fassung durchaus mit einigen inhaltlichen wie formalen Einschränkungen. Ein kleiner Wermutstropfen hier: Dem Buch fehlt ein Lektorat.

So wird z.B. das schöne Bild des Zusammenwirkens aller maßgeblichen Faktoren (Vergesellschaftung, partizipative Demokratie in großem Maßstab, homogenes Zusammenwirken von Produktionsbereich und Reproduktionssphäre), das wir im ersten Teil vor Augen geführt bekommen (auf das wir unten noch zu sprechen kommen) durch die historisch fragwürdig begründete Prämisse eingeschränkt, dass es noch ca. zehn Generationen, also rd. 250 Jahre brauche, bis die zukünftige Gesellschaft wie vorgestellt funktioniere. Angesichts der heutigen (2026) Weltlage wirkt diese Prognose demotivierend und widerspricht auch den neuesten Erkenntnissen der Klimaforschung, zumal nach den frustrierenden Ergebnissen des letzten UN-Gipfels in Belém und insbesondere angesichts der neuen Kriege des Atomzeitalters, die Schlag auf Schlag von den imperialistischen Mächten vorbereitet und real vom Zaun gebrochen werden. Die Sichtweise des Buchautors lässt außer Acht, dass es in der Geschichte immer wieder abrupte Wendungen geben kann, beschleunigte Entwicklungen, die große Etappen zu überspringen in der Lage sind. Daher sind positive Überraschungen in der menschlichen Geschichte durchaus möglich, auch solche, die sich vorher nicht erkennbar angekündigt haben. So erklärt sich etwa der überraschende Wahlsieg des vor einem Jahr quasi noch unbekannten Ökosozialisten, Zhoran Mamdani, und seine Wahl zum New Yorker Bürgermeister und Widersacher Donald Trumps, dank einer ausgeklügelten Mobilisierungsstrategie. Soziale Revolutionen mit antikapitalistischer Dynamik entspringen zwar nicht aus dem Nichts, aber es gibt Vorzeichen und Kämpfe, die ankündigen, dass eine Bewegung weiter gehen könnte, als sich nach ersten Rückschlägen mit den herrschenden Verhältnissen zu versöhnen.  

Das insgesamt positive Geschichtsbild der Neueren und Neuesten Geschichte (1766 bis heute) und der optimistische Fortschrittsbegriff des Autors im Fazit des Buches überzeugen nicht, wenn etwa gesagt wird, dass das bestehende Gesellschaftssystem „den Zenith seiner Entwicklung überschritten“ (303) habe. Schon Elmar Altvater sprach vom jetzigen Kapitalismus als einer Art, die wir bisher nicht kannten. Werner Rügemer macht eine neue Klasse von Weltherrschaftsträgern aus und bezeichnet die Finanzakteure als „Kapitalisten des 21. Jahrhunderts“. Somit ist es sehr gut möglich, dass das bestehende System noch sehr lange überlebt und immer wieder neue Wege findet, sein Akkumulationsregime zu verfeinern, aber auch zu brutalisieren. Notfalls bricht es einen neuen großen Krieg, ggfs. einen Dritten Weltkrieg vom Zaun, der die erschöpften Produktivkräfte zuerst zerstört, um danach neues Wachstum zu schaffen, und sei es nur in wenigen ökologisch halbwegs intakt gebliebenen Regionen dieser Welt, in denen noch eine zeitlang menschliches (Über-)Leben möglich ist. Die Frage ist dann nur, ob es in diesem Ringen ums Überleben einen Machtwechsel zwischen den Klassen gibt oder die alten Eliten weiterhin das Waffenmonopol inne haben. Dass die bürgerliche Klasse es vorzieht, mitsamt ihrem obszönen Reichtum in einer Weltkatastrophe unterzugehen, als widerstandslos auf ihr Vermögen zu verzichten, steht spätestens seit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl (1986) fest. Damals war es überhaupt nicht sicher, ob das Ereignis nicht zum China-Syndrom führen würde und der Brand des Reaktors jemals gelöscht werden könnte. Erst der GAU in Fukushima führte in Deutschland zum Atomausstieg, woanders wird die nukleare Energieerzeugung im blinden Vertrauen auf die technische Sicherheit weiter betrieben oder sogar ausgebaut. Die Weltherrschaft der Konzerne und Superreichen hat das nicht erschüttert.

 

Phantasiereich, dabei logisch durchdacht hat Manfred Norwat dagegen zwei Basiselemente seiner Zukunftsgesellschaft: Erstens das völlige Fehlen einer Geldwirtschaft und zweitens die Entwicklung eines ausgeklügelten Systems breitester Massendemokratie sowohl in der Sphäre der Produktion als auch in der Konsumtionssphäre (Reproduktionsbereich) bzw. im Dienstleistungswesen. Besonders der erste Aspekt verdient große Anerkennung, denn nicht einmal Rosa Luxemburg glaubte für die Zeit einer längeren nachkapitalistischen Übergangsperiode an die Möglichkeit des Funktionierens der Güterproduktion ohne das zum Fetisch erhobene Ersatztauschmittel. Dem schnöden Mammon den Garaus machen ist nur mithilfe einer überzeugenden Ersatzkonstruktion möglich. Der Verfasser liefert sie und sagt dem Geldsystem und mit ihm der ganzen Finanzbranche ade. Ausgehend von der Marxschen Bemessung der Arbeitszeit seiner Herstellung als bestimmende Wertgröße eines Produkts entwickelt er ein System sog. Anteile anstelle des Geldwerts eines hergestellten Gutes:

„Da es kein Privateigentum an Boden sowie an den Naturschätzen gibt, muss für die Förderung der Naturressourcen auch keine Geldleistung erbracht werden, sondern es erfolgt nur eine Bewertung nach der aufgewendeten Arbeitszeit. ( … ) Um berechnen zu können, wie hoch der jährliche Gesamtbedarf an Anteilen des Konsumenten ist, muss ein Güterkorb  für den Jahresverbrauch ( … ) ermittelt werden. ( … ) Die Addition der Güteranteile z.B. für die Bereiche der Lebensmittel, Haushaltsbedarf, Einrichtung usw. ergibt den jedem Konsumenten zustehenden Anteilsbedarf für die einzelnen Bereiche und in deren Summe den Gesamtbedarf des Güterkorbs für jede Person. Vom Nationalrat [im Rätesystem, s.u., der Rezensent] werden die Bereichsanteilsummen bestätigt und unter Mitwirkung des wissenschaftlichen Beirates immer wieder neuen Gegebenheiten angepasst. Für jedes Gut werden wie beschrieben anhand der Produktionskette die Teilarbeitszeiten je Kettenglied ermittelt, der nächsten Stufe übertragen und daraus dessen Gesamtarbeitszeit ermittelt.“ (Norwat, 109-112)

Der Autor quantifiziert den Konsumwert der Güter in seinen Beispielen in einem Verhältnis von 10 Anteilen zu einer Stunde Arbeitszeit und legt den Wert des vom Nationalrat festgelegten monatlichen Güterkorbs mit 3000 Anteilen fest, d.h. 36.000 Anteile pro Jahr und Kopf. Die Güterkörbe werden von Nationalrat und wissenschaftlichen Beirat laufend überprüft, jährlich neu bekanntgegeben und in die Datennetze eingespeist. Bestimmte Güter werden im gesellschaftlichen Interesse anders gewichtet und, wie z.B. Fleisch, Süßigkeiten Alkohol usw., über den Herstellungswert verteuert. Gesundheitsschädliche Produkte werden nicht mehr angeboten, Verbilligungen unter dem Herstellungswert mit Ausnahme der Güter aus Reservelagern gibt es nicht. Bildung, Gesundheitsversorgung und andere wesentlichen Dienstleistungen sind für die KonsumentInnen frei und werden ihrem Kontingent an jährlichen Anteilen nicht abgezogen. Die individuelle Abrechnung der Anteile läuft digital. Wenn die KonsumentInnen sich im regionalen Versorgungszentrum Güter beschaffen, „bezahlen“ sie mit dem Handy mittels digitaler Verrechnung auf dem verfügbaren Jahreskonto an Gütern und Dienstleistungen, alles in besagten Anteilen, die abgezogen werden. Es erstaunt, wie weitgehend der Urheber dieser Ideen vorausgedacht hat und mit welchen Beispielen er sie plastisch unterlegt.

Etwas weniger verständlich erklärt er allerdings den Mechanismus der umfassenden Besetzung der Mitgestaltungsgremien im Kapitel „Rätesystem“, wo die Zahlenspiele an einigen Stellen verwirren. Doch insgesamt gefällt der offenkundige Erfindungsgeist, der hier zutage tritt. Dass der Autor sich nicht mit einer bloßen Verbesserung des degenerierenden Systems der heutigen parlamentarischen Repräsentationsdemokratie nach dem Muster des Vereins ‚Mehr Demokratie‘ begnügt, sondern ein ausgeklügeltes Modell der ständigen Einbeziehung breitestmöglicher Teile der Bevölkerung in die Gestaltung und Bewahrung der neuen Gesellschaft entwirft, sucht im gängigen Demokratiediskurs der Linken seinesgleichen. Hervorzuheben ist aus diesem Kapitel das Drei-Ebenen-Prinzip, das auf der unteren Stufe mit den Räten der sog. Hausgemeinschaften (örtliche Wohn- und Freizeitkomplexe von ca. 100 Personen) beginnt, auf der zweiten Ebene Stadtteil, Orts-, Abteilungs- und Betriebsräte vorsieht, und auf der dritten die sog. Branchen- und Regionalräte sowie einen Nationalrat ansiedelt.

Leuchtet die Anwendung des Rotationsprinzips (Wechsel des Mandats alle zwei Jahre) noch ein, erstaunt hingegen die nach unten und oben beschränkte Festlegung der Altersgrenzen für die Gremienbesetzung, die als jüngste Mandatsinhaberschaft die Gruppe der 25-Jährigen (für SchülerInnen, Azubis und Studis gibt es parallel eigene Partizipationsregeln für ihre Bereiche) und als älteste die der 60-Jährigen vorsieht. Das gegebene Modellbeispiel setzt eine Nation von 48 Millionen EinwohnerInnen (Norwat plädiert generell für eine Staatenverkleinerung auf max. 50 Mio EW) voraus, aus der sich in Summe auf der „Konsumentenseite“ 1000 Mitglieder im Nationalrat, 144.000 in den Regionalräten, 70.000 in den Stadträten, 475.000 in den Ortsräten und 1.000.000 in den Hausgemeinschaftsräten ergeben, was total 1,69 Millionen Ratsleute ausmacht. Für die Produzentenseite sind jährlich 2,93 Mio Ratsmitglieder gesamtwirtschaftlich aktiv. Insgesamt betätigen sich in allen Funktionen zusammen 6,1% der Gesamtbevölkerung gleichzeitig. Es besteht Teilnahmepflicht, Ausnahmen (z.B. für geistig Behinderte) regelt der Nationalrat. Schon früh, in Schule, Ausbildung und an Unis wird die Ratstätigkeit praktisch erlernt. Die Ratssitzungen finden grundsätzlich in der Freizeit statt, werden aber von den Betrieben als Arbeitszeit berücksichtigt. Eine Rechenschaftspflicht der Räte versteht sich von selbst.

Was die Aufgabenverteilung der Steuerungsgremien betrifft, stellt der Nationalrat u.a. den Volkswirtschaftsplan auf und verifiziert ihn, prüft und koordiniert die regionalen Investitions- und Branchen-Produktionspläne. Er ist auch die höchste Instanz in Konfliktfällen. Den Konsumentenräten kommt andererseits die Aufgabe zu, die notwendigen Investitionen festzustellen und sie von den höheren Räten überprüfen und genehmigen zu lassen. Gleiches gilt für die Produktionspläne der Betriebe. Eine Gewaltenteilung entfällt, weil der Nationalrat zugleich als Parlament, Regierung und Oberstes Gericht funktioniert. Mehrfach wird die große Bedeutung wissenschaftlicher Beiräte mit Vetorecht zur Unterstützung des Rätesystems betont. Deutlich erkennbar verwaltet sich die Zukunftsgesellschaft in reger Weise selbst und ist damit dem abgehobenen Repräsentationsregime des bürgerlichen Parlamentarismus mit seiner Anfälligkeit für profitgetriebenen Unternehmenslobbyismus und die Erheischung von Privilegien (zu nennen etwa die teils horrenden Nebeneinkünfte von Abgeordneten und der Wechsel ehemaliger MinisterInnen auf lukrative Unternehmensposten) der politischen Eliten deutlich überlegen. Dafür soll auch die Vorkehrung sorgen, dass alle die gleichen jährlichen Anteile bekommen, ob Arzt oder Krankenpfleger. Ansehen gilt mehr als Hochlohn, zeigt der Autor anhand des Vergleichs zwischen Müllmann und Chirurg. Beide bekommen neue Aufgaben: Der Müllwerker wird zugleich Umweltberater, der Chirurg ist nicht mehr nur Operateur, sondern auch Pfleger, und PflegerInnen übernehmen in Teilen ärztliche Funktionen. Das Leistungsprinzip gilt nicht mehr, alle Abläufe sind entschleunigt, die Arbeitszeit auf 30 Stunde/Woche reduziert, die Pflege und der Gesundheitsbereich werden stark ausgebaut und human umgestaltet (Krankenhäuser mit max. 200 Betten), um nur einige der zahlreichen Neuerungen zu nennen. Der Autor sieht auch über die Grenzen der eigenen Nation hinaus, indem er von einer Staatengemeinschaft ausgeht, die sämtlich ähnliche Steuerungsmodelle anwendet und für die internationale Koordination sog. Kontinentalräte etabliert. Auf Weltebene spricht er dann vom sog. Weltgemeinschaftsrat.

Einige Wermutstropfen bleiben trotz der vielen transzendierenden Denkanstöße. Zwar vertritt das Konzept der neuen Gesellschaft wichtige Programmpunkte der heute geforderten sozial-ökologischen Transformation, so auf dem Feld der Agrar- und Verkehrswende, geht teils sogar weit über sie hinaus, wenn z.B. eine kollektivierte Landwirtschaft oder das Verschwinden des Fernlastverkehrs vorhergesagt werden. Auch der Verzicht auf abgesonderte Pflegeheime und die Überantwortung der Pflegebedürftigen an die Hausgemeinschaften (ggfs. mit Unterstützung seitens externer Fachkräfte) klingen gut. Andererseits nehmen wir ein teils überholtes Familienbild zur Kenntnis, in dem z.B. keine FLINTA-Personen vorkommen und die klischeehafte Rolle von Mutter und Vater als familiärer Beziehungsnorm betont werden.

Skepsis muss auch das Zurückbleiben hinter dem heutigen wissenschaftlichen Stand der Klimaforschung und der Umweltwissenschaften hervorrufen, genauer: der Klimagerechtigkeitsbewegung. Der Verfasser verharrt diesbezüglich in allzu großer, energiefressender Technikgläubigkeit (schon heute sind die um sich greifenden digitalen Rechenzentren wahre Energiefresser). Prognostiziert werden etwa vollautomatisierte Haushalte, in denen Reinigungsarbeiten komplett entfallen, die Möglichkeit der Anlage von Swimmingpools in den Hausgemeinschaften (ein verschwenderischer Wasserverbrauch), alle drei Jahre erlaubte Fernflüge für Haushalte (eine enorme Belastung des Klimas) und häufige Skiurlaube (nachdem M.N. zuvor den Massentourismus noch kritisiert hatte), die die Ökokrise der Alpen verstärken. Solche Mitbringsel aus der heutigen imperialen Lebensweise kann sich die Menschheit der nördlichen Hemisphäre zukünftig nicht leisten. Da sollten wir uns lieber auf die Ethik des Verzichts besinnen und aus den Weisheiten der Antike und des Ostens lernen, das Erhabene und Schöne im Leben auch in den einfachen Dingen zu sehen.  

Schön allerdings liest sich dann abschließend die Erkenntnis, dass die Jugend die Hoffnung auf die Schaffung eben jenes neuen Menschen verkörpert, den einst Josip Broz Tito und seine MitstreiterInnen mit ihrem System der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien vor Augen hatten und leider scheiterten. Denn nur dann, so sieht es Manfred Norwat vollkommen richtig, wenn wir von Kind auf durch ein ausgezeichnetes Schul- und Bildungssystem den sozialen Umgang untereinander und sukzessive die „Lebenstechniken eines späteren Konsumenten und Einblicke in das Arbeitsleben“ erlernt und die negativen Erscheinungen der kapitalistischen Gesellschaft, wie Gier, Neid, Hass, Gewalt, Egoismus, Verschwendungs- und Geltungssucht verlernt haben, kann die neue Gesellschaftsordnung funktionieren. Wie das praktisch möglich ist, zeigt er am Ende ebenso verständlich wie originell auf, indem er die künftige Gesellschaft in Einzelansicht präsentiert. Wir bekommen beispielhaft den 42-jährigen Verwaltungsfachmann Jochen M. vorgestellt und begleiten ihn, seine Frau und die drei Kinder eine Woche lang in ihrem Tagesablauf. Ein ausgesprochen sinnvoller Abschluss dieses visionären Projektentwurfs.

Hans-JürgenKleine, Köln,10.01.2026