Es wird ungemütlich im Bundeswirtschaftsministerium. Wenn Katherina Reiche (CDU) derzeit vor die Presse tritt, versucht sie das Bild einer kontrollierten Lage zu zeichnen. „Nach aktuellem Erkenntnisstand ist eine Gasmangellage im kommenden Winter nicht zu erwarten“ heißt es in einem Bericht ihres Ministeriums.1 Doch hinter den Kulissen der Berliner Regierungszentrale wächst die Nervosität. Das Problem: Die deutschen Gasspeicher sind nur zu 54 Prozent gefüllt – und das zwei Wochen vor dem Herbstbeginn und damit dem Beginn der Heizperiode in Deutschland.
So leer waren die Gasspeicher Mitte September noch nie. Der Gasspeicher-Verband INES warnt bereits, dass im Fall eines sehr kalten Winters im Januar Engpässe nicht ausgeschlossen werden könnten. Eigentlich sieht das Energiewirtschaftsgesetz vor, dass die Gasspeicher bis zum ersten November zu mindestens 80 Prozent gefüllt sein müssen, um als Puffer für frostige Tage zu dienen. Doch die Realität im September 2026 zeigt: Deutschland geht mit einer halbleeren Batterie in die kalte Jahreszeit. Der grüne Energiepolitiker Michael Kellner wirft der zuständigen Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bereits Versagen vor. Sie rüttele durch die halbleeren Speicher an den „Grundfesten unserer Volkswirtschaft“.
Wie konnte es so weit kommen, obwohl das Land bereits 2022 den Schock des russischen Gasstopps erlebt hat? Wer diese Frage beantworten will, stößt schnell auf ein gottseliges Vertrauen der Verantwortlichen im Wirtschaftsministerium in den Kapitalismus und die deutsche Gaswirtschaft.
Unmittelbar nach dem Beginn des Iran-Kriegs durch US-Präsident Trump und Israel schossen die Gaspreise am preisbildenden Referenzhandelsplatz TTF in Amsterdam nach oben. Lagen sie vorher bei 32 Euro pro MWh so stiegen sie im März auf bis zu 62 Euro/MWh. Im Mai bis Ende Juni sanken sich dann wieder auf Preise im unteren 40-Euro Bereich pro MWh ab. Die kapitalistischen Gashändler, die die Speicher eigenverantwortlich befüllen dürfen, war das aber offensichtlich nicht profitabel genug. Sie hätten im Sommer relativ teuer einkaufen müssen, ohne die Gewissheit, das Gas im Winter mit hohem Gewinn wieder verkaufen zu können. Anstatt ordnungspolitisch einzugreifen oder rechtzeitig harte finanzielle Anreize zu setzen, setzte das Ministerium unter Katherina Reiche vertrauensvoll auf das Prinzip der Marktwirtschaft. Ein fataler Fehler, wie Experten nun warnen: Mitte September liegen die TTF-Gaspreise bereits bei über 89 Euro pro MWh und die Speicher sind halbleer geblieben. Während einige Kavernenspeicher prinzipiell noch schnell befüllt werden könnten, ist es bei den trägen Porenspeichern technisch bereits unmöglich, die gesetzlichen Zielmarken bis zum Novemberbeginn einzuhalten.
Besonders brisant wird die Lage durch den Blick über den Atlantik. Deutschland hat seine Abhängigkeit von russischem Pipeline-Gas zu großen Teilen durch Flüssiggas (LNG) ersetzt. Was in Regierungsberichten gern als gelungene Diversifizierung verkauft wird, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als hochgefährliches Klumpenrisiko:
• Der US-Faktor: Rund 15 Prozent des gesamten deutschen Gasbedarfs werden heute als Flüssiggas (LNG) eingekauft. Zwei Drittel dieser Lieferungen stammen aus den USA. Das sind so gewaltige Mengen, dass man sie nicht mal eben durch Lieferungen aus anderen Ländern ersetzen könnte, sollten sie plötzlich wegfallen.
• Die Erpressbarkeit: Sollte Donald Trump im anstehenden Winter seine Drohungen wahrmachen und die europäische Wirtschaft mit drastischen Zöllen oder gar Lieferengpässen überziehen, könnte es in Deutschland ganz schnell sehr kalt werden. Der Mann im Weißen Haus hat prinzipiell alle Mittel in der Hand, damit die LNG-Tankerschiffe aus Texas ihren Kurs weg von Europa in Richtung Asien ändern. Und noch etwas: Allein mit der Angst vor einem US-Lieferstopp ließe sich bereits wunderbar Politik machen. Die deutsche Regierung hat dem Potentaten im Weißen Haus dafür sogar gratis die Mittel geliefert.
Wenn dann gleichzeitig ein historisch kalter Winter über Europa hereinbricht, droht das Worst-Case-Szenario: Die verbliebenen Speicherreserven wären in wenigen Wochen aufgebraucht. Die Bundesnetzagentur müsste dann den Notfall ausrufen, und die Industrie – von der Chemie bis zum Stahl – müsste als Erste kontrolliert vom Netz genommen werden. Die wirtschaftlichen Folgen wären dramatisch: Produktionsstillstand, Ausfall von Lieferverpflichtungen, vielleicht sogar Entlassungen. Gleichzeitig würden die Gaspreise für die VerbraucherInnen durch die Decke gehen.
Die Wirtschaftsministerin und natürlich die Regierung Merz-Klingbeil tragen für ein solches Szenario die Hauptverantwortung. Reiche hat die knappen Füllstände monatelang verharmlost. Selbst kurz vor Herbstbeginn verteilt sie immer noch Beruhigungspillen statt zu handeln. Der Grund ist klar: Sie will Panik am Markt vermeiden, was die ohnehin schon rekordhohen Gaspreise weiter anheizen würde. Zudem verweist ihr Haus darauf, dass die Gashändler in der Pflicht stünden, nicht der Staat. Das ist aber nichts anderes als ein billiges Versteckspiel hinter Paragrafen.
Man muss diese Politik von Katherina Reiche und ihr scheinbares Urvertrauen in die Gasbranche auch in einem größeren Zusammenhang sehen. Wenige Tage bevor sie Anfang Mai 2025 zur deutschen Wirtschaftsministerin ernannt wurde, saß sie noch im Chefsessel des EON-Energiekonzerns Westenergie2. Nicht zuletzt deswegen warnen Umweltverbände wie die Deutsche Umwelthilfe immer wieder, dass Katherina Reiche zu eng mit dem fossilen Gas-Business verbunden sei, um eine unabhängige Politik als Wirtschaftsministerin betreiben zu können. Es ist nicht nur ihr Laissez-faire gegenüber den Gashändlern im Fall der jetzt halbvollen Gasspeicher, das zu diesen Vorwürfen führt. Es ist auch ihre Politik bei der Neufassung des Heizungsgesetzes3. Kurzerhand tilgte die Ministerin die 65-Prozent-Quote für Öko-Energien aus dem Gesetz, womit der Einbau fossiler Gasbrenner wieder frei geworden ist – ein Sabotageakt an der technologisch überlegenen Wärmepumpe, der auch die städtischen Wärmeplanungen im Nirgendwo stranden lässt. Statt echtem Klimaschutz setzt das Wirtschaftsministerium nun auf die Zumischung von knappem, sündhaft teurem Biogas für das winterliche Heizen. Faktisch ist dies eine staatliche Überlebensgarantie für das überholte Geschäftsmodell der fossilen Gaskonzerne – nicht zuletzt auch für Katherina Reiches vorherigen Arbeitgeber EON. Damit wird die Abhängigkeit vom immer teurer werdenden Erdgas zementiert, was wohl so gewollt ist. Die VerbraucherInnen werden es bezahlen müssen und gleichzeitig wird die deutsche Klimapolitik nachhaltig geschädigt. Zusätzlich irritierend ist, dass die deutsche Wirtschaftsministerin durch das Nichtbefüllen der Gasspeicher Deutschland unnötigerweise der Gefahr einer Gasknappheit aussetzt. Sollte es allerdings zu einer ernsten Gasversorgungskrise aufgrund eines kalten Winters kommen, könnte die Karriere von Katherina Reiche im Wirtschaftsministerium womöglich schneller enden, als ihr lieb ist.