Noch wenige Tage vor dem neuen Iran-Krieg kamen gute Nachrichten: Beobachter erklärten, dass es bei den stattfindenden Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran in Genf unter der Vermittlung Omans Fortschritte geben würde. Man sei kurz vor einem Durchbruch. Genau in dieser Situation begannen die USA und Israel dann aber mit der Bombardierung des Iran. Warum dann dieser Krieg?
Trump lieferte schnell eine Begründung für die Bombardierung des Iran: „Wir stellen sicher, dass der weltgrößte Terrorsponsor niemals eine Atomwaffe besitzen wird.“ Doch dieses Argument ist völlig haltlos. Denn bereits im Juni des vergangenen Jahres hatten die USA und Israel die iranischen Lagerstätten hochangereicherten Urans mit bunkerbrechenden Waffen attackiert. Trump erklärte damals, die US-Bomben hätten das iranische Atomwaffenprogramm „vollständig ausgelöscht“. Laut diesen Aussagen hätte es die iranischen Atomkapazitäten zu Beginn des Jahres 2026 gar nicht mehr geben dürfen. Dass diese Begründung wenig überzeugend war, merkte wohl auch der US-Außenminister Marco Rubio. Er erklärte, Israel hätte einen Angriff auf den Iran vorbereitet. Deswegen „waren die USA gezwungen einzugreifen, um unsere Sicherheitsinteressen zu wahren.“ Das klingt so, als würde sich Trump die Außenpolitik von Tel Aviv diktieren lassen. Die Wahrheit dürfte sein, dass nach der handstreichartigen nächtlichen Verschleppung des venezolanischen Präsidenten Maduro, die Truppe im Weißen Haus vom Größenwahn gepackt worden ist. Dazu passt auch die martialische Rhetorik des Kriegsministers Pete Hegseth: „Amerika wird gewinnen, entschlossen, vernichtend und ohne Gnade.“ Ob sich das für Trump so einfach umsetzen lässt, ist allerdings fraglich. Es sieht eher nach einem Abenteuer ohne Ziel aus.
Das Szenario des aktuellen Iran-Krieges erinnert an den US-Angriff auf den Irak im Jahr 2003. Auch damals wurde der Krieg ohne UN-Mandat durchgeführt. Und es wurden von den USA auch Begründungen ins Feld geführt, die sich später als plump fabrizierte Lügen entpuppten. So die Behauptung der USA, dass der irakische Diktator Sadam Hussein chemische und biologische Massenvernichtungswaffen besessen hätte. Derartige Waffen wurden dann aber nie gefunden.
Eine amerikanische Studie kommt aber zu der Einschätzung, dass durch den US-Krieg gegen den Irak und die nachfolgende achtjährige US-Besatzung rund eine halbe Million Menschen ums Leben kamen. Darunter waren auch 4.500 tote und 32.000 verwundete US-Soldaten. Bei dem Krieg gegen den Iran sind wieder eine große Zahl von Zivilisten die ersten Opfer. So wurde bereits am ersten Kriegstag eine Grundschule in Minab im Süden des Iran von einer Bombe getroffen. Mindestens 168 Schülerinnen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren, 26 Lehrerinnen und vier Eltern kamen dabei ums Leben. Vertreter des israelischen Militärs erklärten, ihnen sei zu dem Zeitpunkt kein Angriff in der Region bekannt. Man kennt diese zynische Argumentation des israelischen Militärs aus dem Gazakrieg: Erst morden, dann alles abstreiten [1]. Diese Verbrechen könnten sich jetzt im Iran wiederholen. So wurden bereits am fünften Tag des Kriegs gegen den Iran rund 1300 tote iranische Zivilisten gemeldet. Trump sprach bereits von bis zu fünf Wochen Krieg, den er sich vorstellen könnte. Dann würden tausende weitere Menschen zu Opfern des Krieges werden. Dazu muss man sicher auch noch Opfer des israelischen Bombardements gegen Beirut zählen. So forderten die israelischen Militärs eine Woche nach Kriegsbeginn die rund 500.000 BewohnerInnen der südlichen Vororte Beiruts ultimativ auf, ihre Wohnungen zu verlassen, sonst würden sie ihr Leben verlieren. Ohne den Menschen ausreichend Zeit zur Flucht zu geben, begann Israel dann mit einer flächendeckenden Bombardierung der südlichen Beiruter Vororte. Die BBC übertrug das Szenario. Ganze Hochhauskomplexe stürzten im israelischen Bombenhagel in riesigen Staubwolken regelrecht zusammen.
Man sollte sich im übrigen hüten, die zivilen Opfer Beiruts und Teherans gegen die iranischen Angriffe auf Tel Aviv aufzurechnen. Das wäre reiner Zynismus. Anders als die Menschen in Tel Aviv oder Haifa verfügen die BewohnerInnen Beiruts und Teherans weder über Schutzräume noch ein intaktes Raketenabwehrsystem. Auch das Wasser und die Lebensmittel dürften in Teheran bald knapp werden. Es bahnen sich im Iran und in Beirut damit neue und schlimme Kriegsverbrechen an. Sie könnten das brutale Massaker des iranischen Mullah-Regimes an den Demonstranten zu Beginn des Jahres womöglich noch in den Schatten stellen.
Der Krieg löste einen Schock an den fossilen Energiemärkten aus. So lagen die Gaspreise an der niederländischen Börse TTF am vierten Kriegstag bereits bei 62 Euro pro Megawattstunde. Das war ein sprunghafter Anstieg um 94 Prozent gegenüber den Gaspreisen am Tag unmittelbar vor dem Beginn des Krieges. Der Preis ging dann zwar wieder auf 55 Prozent zurück, aber auch das ist dramatisch und könnte mit der Dauer des Krieges weiter steigen. Analysten zeigen sich besorgt, dass die sprunghafte Gaspreiserhöhung das Potenzial zu gravierenden Folgen für die kapitalistische Weltwirtschaft führen könnten. Der Hintergrund für die Preisexplosion ist die Sperrung der Meerenge von Hormus durch den Iran als Reaktion auf den US-israelischen Angriffskrieg. Dazu kommt, dass, dass der katarische Staatskonzern nach einem iranischen Drohnenangriff auf seinen Erdgas-Förderkomplex Ras Laffan die Gasproduktion eingestellt hat. Die Folge davon ist, dass sich schlagartig ein Fünftel weniger Flüssigerdgas (LNG) auf dem Weltmarkt befindet. Jetzt könnte man in Europa vielleicht versucht sein, sich beruhigt zurückzulehnen, weil Deutschland nur drei Prozent seines Gases aus der Golfregion bezieht. Doch das ist eine Fehlkalkulation. Das zeigte ein anderes Ereignis. So drehte der Tanker „BW Brussels“, der eigentlich im Auftrag des Händlers Total Energies Flüssiggas (LNG) aus Nigeria nach Europa bringen sollte, mitten in der Fahrt ab und nahm Kurs auf Asien [2]. Dort wurde offensichtlich für LNG mehr bezahlt als in Europa. Das dürfte nicht das letzte LNG-Schiff gewesen sein, das seinen Kurs einfach ändert. Und so dürfte der steigende Gaspreis sehr schnell auch Europa treffen.
Wenn man wissen will, wer an dem Krieg verdient und wer verliert, muss man auch einen Blick auf die Gaspreise in den USA, Europa und Südostasien werfen. Die USA, die ein wichtiger Gaslieferant sind, dürfte zunächst einmal profitieren. So berichtete das Handelsblatt, dass die Förderung von Erdgas in den USA inklusive Verflüssigung, Transport nach Europa und Regasifizierung sowie einer 15-Prozent-Marge für die Gasförderung normalerweise etwa bei 8,5 US-Dollar pro MMBTU liegt. Die Abkürzung steht für „Million British Thermal Units“ und entspricht einer Energiemenge von 293 kWh [3]. Durch den Krieg sind aber die Preise an der europäischen Börse auf umgerechnet 14 US-Dollar pro MMBTU hochgeschnellt. Das ist ein satter Extraprofit von 65 Prozent zusätzlich auf die übliche Rendite. Es sind unterschiedliche kapitalistische Akteure, die diese Sonderprofite abkassieren. Es könnten mal direkt die LNG-exportierenden US-Unternehmen sein oder auch Konzerne wie Exxon Mobil und Shell sein, die davon profitieren. Die beiden großen US-Exporteure von verflüssigtem Erdgas, Cheniere Energy und Venture Global, konnten aufgrund des Krieges deutliche Aktienkursgewinne verbuchen. Cheniere Energy legte innerhalb eines Tages um 5,6 % zu, Venture Global sogar um 17,5 %. Besonders stark betroffen von dem katarischen Gasförderstopp sind China und andere asiatische Länder. So bezog China vor Kriegsbeginn rund 30 Prozent seines Flüssigerdgases aus Katar. Das bedeutet, dass China bei einer längeren Dauer des Krieges erhebliche Schwierigkeiten bekommen könnte [4]. Zu den Opfern gehören in jedem Fall Korea und Japan, die beide fossile Energien aus der Golf-Region beziehen. So fiel der südkoreanische Börsenindex Kospi nach der Sperrung der Straße von Hormus um ganze zwölf Prozent. Und der japanische Nikkei-Index verlor zum selben Zeitpunkt vier Prozent [5].
[1] Laut den Vereinten Nationen wurden im Gazastreifen 72.000 Menschen durch israelische Waffen getötet und 171.000 verletzt. Oft sind die Opfer dadurch bis an ihr Lebensende gezeichnet. Die Mehrheit der Opfer sind Frauen und Kinder. Zudem sind hunderte Menschen an Hunger gestorben, weil Israel keine Lebensmittel mehr nach Gaza durchgelassen hat. Viele weitere Menschen werden noch vermisst und liegen vermutlich unter den Trümmern in Gaza. Selbst jetzt nach dem Beginn des Iran-Krieges versucht der israelische Staat die medizinische Versorgung der palästinensischen Opfer im Gazastreifen durch humanitäre Organisationen, wie „Ärzte ohne Grenzen“ zu verhindern. Es handelt sich um einen unbestreitbaren Genozid Israels, vor allem an Frauen und Kindern. In vielen westlichen Ländern darf das aber nicht benannt werden. Derartige wissenschaftliche Einschätzungen werden als „antisemitisch“ bezeichnet. In Wahrheit untergräbt die Verharmlosung der Kriegsverbrechen des heutigen israelischen Staates und eine pauschale Ettiketierung des Begriffes „Antisemitismus“ das Andenken an die jüdischen Opfer des Holocaust.
[2] „LNG-Schiff fährt nach Asien statt nach Europa“, Handelsblatt 05.03.2026
[3] Der Jahresverbrauch eines Vier-Personenhaushaltes mit Gasheizung beträgt pro Jahr rund 15.000 bis 20.000 kWh.
[4] Es ist im Übrigen nicht zu erwarten, dass die USA ihrem chinesischen Konkurrenten mit zusätzlichen Gaslieferungen helfen werden.
[5] „Ausverkauf in Asien“, Süddeutsche Zeitung 05.03.2026