Während der Ökosozialismus bedeutende Fortschritte in seiner Fähigkeit gemacht hat, eine umfassende Alternative für die Gesellschaft anzubieten, müssen seine Anhänger erst noch beweisen, dass sie auch in der Lage sind, sich politisch zu engagieren, das heißt, um die politische Macht zu kämpfen.
Die Herausforderung ist beträchtlich, denn es geht eindeutig nicht darum, innerhalb des bürgerlichen institutionellen Rahmens Macht zu erlangen. Es geht vielmehr darum, für einen klassenbasierten Bruch zu kämpfen, der eine Neudefinition von politischer Macht im Dienste der Ausgebeuteten und Unterdrückten beinhaltet und gleichzeitig ökologische Grenzen respektiert.
Eine zentrale Herausforderung dieses Vorhabens besteht darin, dass die meisten ökologischen Grenzen des Planeten bereits weitgehend überschritten sind. Folglich erfordert ein antikapitalistischer Bruch zwangsläufig eine Reduzierung des Gesamtenergieverbrauchs, der Materialproduktion und des Transportwesens. Diese Einschränkung sind jedoch bei den Lohnabhängigen unpopulär, da im Kapitalismus das ökonomische Wachstum gleichzeitig die Beschäftigung, die Höhe der Löhne, die verfügbaren Sozialleistungen usw. bestimmt.
Die Hitzewellen von 2026 könnten sich in diesem Zusammenhang als Game-Changer erweisen. Große Teile der Bevölkerung haben die Gefahr des Klimawandels begriffen. Doch die Bedrohung durch den Klimawandel geht aufgrund ihrer existenziellen Natur über einfache sozioökonomische Belange hinaus. Sie entlarvt faktisch die Absurdität der kapitalistischen Logik, die auch die Jobs und das Lebens der Lohnabhängigen bedroht.
Dieses entstandene Bewusstsein könnte wieder nachlassen. Dieser Rückschlag wäre jedoch nur vorübergehend, da 1) der Kapitalismus nicht in der Lage ist, das Klima zu stabilisieren, und 2) Westeuropa mit seiner Erwärmung um 3 °C besonders stark von Hitzewellen und anderen Extremereignissen bedroht ist.
Das bietet aber die Chance dafür, dass sich die Lohnabhängigen verstärkt im Kampf gegen die Klimakatastrophe engagieren, geleitet von ihren Forderungen und mit einer systemkritischen Perspektive. Dies ist von entscheidender Bedeutung, da Arbeitnehmer die Mehrheit der Bevölkerung ausmachen und die kapitalistische Wirtschaft lahmlegen können.
In diesem Kontext können sich ÖkosozialistInnen nicht damit zufriedengeben, nur propagandistisch tätig zu sein. Sie müssen auch für einen Plan kämpfen, der eine Brücke baut zwischen den Forderungen, die von den Lohnabhängigen am dringlichsten empfunden werden und dem (ökosozialistischen) Maximalprogramm.
In diesem Plan ist es von größter Wichtigkeit, dass klimapolitische Anpassungsmaßnahmen nicht vernachlässigt werden. Denn die Katastrophe ist da, teilweise unumkehrbar. Es muss gehandelt werden. Der Schutz der Schwächsten darf nicht den demagogischen Klimaleugnern der extremen Rechten überlassen werden!
Wir verstehen unter Klimaanpassung offensichtlich nicht dasselbe wie die neoliberale Regierungen. Sondern wir verknüpfen sie mit der Umverteilung des Reichtums, geben ihr einen demokratischen und sozialen Inhalt und verbinden sie mit der Reduzierung von Emissionen (im Bereich Wohnen, Verkehr, Agrarpolitik usw.).
Das ökosozialistische Gesamtprogramm ist ein unersetzliches Propagandainstrument, da es eine alternative Gesellschaft präsentiert. Konkrete politische Arbeit bedeutet, jene Vorschläge auszuwählen, die in der jeweiligen Situation die nötige Dynamik erzeugen können, um das strategische Ziel zu erreichen: Die Enteignung der fossilen Industriekonzerne und des Finanzsektors durch eine Regierung, die loyal die Interessen der Unterdrückten vertritt – genauso wie die gegenwärtigen Regierungen die Interessen der Kapitaleigner vertreten.
Hinweise zum Autor:
Daniel Tanuro ist ein belgischer Klimaaktivist, der Mitglied der Vierten Internationale ist. Seit vielen Jahren veröffentlicht er Beiträge zur Klimapolitik. In der international vernetzten Klimabewegung ist er aktiv. Der hier von ihm veröffentlichte Artikel wurde erstmalig am 25. Juli 2026 publiziert. Er erschien unter dem Originaltitel „Heatwaves & strategy“ in der Web-Zeitschrift „Europe Solidaire Sans Frontieres“. Er kann zusammen mit anderen Texten des Autors gefunden werden unter „https://www.europe-solidaire.org/spip.php?article79537“