Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen seit Jahren, dass neuer Straßenbau zusätzlichen Verkehr erzeugt – das sogenannte induzierte Verkehrsaufkommen. Zwei kanadischen Verkehrsökonomen kamen bereits vor Jahren zu dem Ergebnis: Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten. Die Wissenschaftler ermittelten sogar einen proportionalen Zusammenhang zwischen Straßenbau und Verkehrszunahme: „Eine Verdoppelung der Straßen verdoppelt den Verkehr.“ [2] Dieser Effekt wird vom Bundesverkehrswegeplan systematisch unterschätzt. Folge: Die Berechnungen zu wirtschaftlichem Nutzen und Effizienz neuer Straßenprojekte sind massiv geschönt. 64 Prozent aller Straßenbauprojekte – rund zwei Drittel – lohnen sich nach realistischen Kosten-Nutzen-Rechnungen nicht. Vor allem: Mit jeder neuen Straße steigen die CO₂-Emissionen weiter – entgegen aller Klimaziele.
Straßenneubauten werden oft mit kürzeren Fahrzeiten begründet. Doch laut Greenpeace und des ThinkTanks Transport & Environment wird der tatsächliche Nutzen systematisch überschätzt. Neue Strecken entlasten zwar kurzfristig, doch der wachsende Verkehr führt rasch zu neuen Engpässen – dann eben auf mehr Spuren. Das Umweltbundesamt kritisiert diese Fehlkalkulationen regelmäßig. Nachhaltige Verkehrsentlastung lässt sich mit Straßenbau nicht erreichen – das Gegenteil ist der Fall.
Straßen zerschneiden nicht nur Landschaften, sondern auch wertvolle Ökosysteme. Die Kosten-Nutzen-Bewertung des Bundesverkehrsministeriums berücksichtigt Umweltschäden kaum. Dabei zerstören neue Trassen Wälder, Moore und damit natürliche CO₂-Senken – eine ökologische Katastrophe im Zeitalter der Klimakrise. Der Weiterbau der sog. Küstenautobahn A20 etwa würde durch besonders schützenswerte Moorgebiete führen und laut offizieller Bewertung damit den höchsten Umweltschaden des geplanten Projektes verursachen.
Die Autobahnlobby stellt ihre Vorhaben und Projekte in der Öffentlichkeit gerne so dar, als ob sie dem allgemeinen Interesse der Bevölkerung entsprechen. Eine repräsentative Umfrage zeigt jedoch ein anderes Bild [3]: Die große Mehrheit der Bevölkerung lehnt neue Autobahnen ab. Für „Neubau und Ausbau des Autobahn- und Bundesstraßennetzes“ sprachen sich nur 13 Prozent aus. Besonders stark lehnen ältere Bürgern den Neubau von Autobahnen ab. Bei den 60- bis 69-jährigen unterstützen nur 7 Prozent den Ausbau der Fernstraßen.
Bemerkenswert ist auch, dass selbst im Mitte-rechts-Lager ein Erhalt von Autobahnen und Bundesstraßen eine erheblich höhere Priorität genießt als die Erweiterung der Asphaltpisten. Der politische Wille der bürgerlichen Parteien zum Neubau von Autobahnen steht damit in direktem Widerspruch zum Bürgerwillen.
Trotz aller Kritik schreiten viele Autobahngroßprojekte voran. So die A14, bei der eine Lücke zwischen Schwerin und Magdeburg geschlossen werden soll. Dafür wird eine Schneise durch wertvolle Wälder und ein Biosphärenreservat geschlagen. Kritisch zu sehen ist auch der Bau der A20. Sie soll im Landkreis Stade parallel zur A1 verlaufen. Die gesamte Neubautrasse ist 145 Kilometer lang und zerschneidet empfindliche Moorlandschaften. Das Projekt gilt als klimapolitisch katastrophal und ökonomisch völlig unsinnig. Die A39 bedroht Lebensräume zwischen Lüneburg und Wolfsburg. Auch der Weiterbau der A49 durch den Dannenröder Forst ist trotz massiver Proteste im Gange. Und in Berlin wird weiter an der hochumstrittenen A100 geplant – mitten durch bewohnte Stadtteile.
Besonders absurd wirkt der geplante Ausbau der A5 bei Frankfurt auf zehn Spuren – ein Projekt, das bereits als „Los-Angeles-Highway“ verspottet wird. Die Autobahn führt direkt an Frankfurt vorbei. Eine von der Autobahngesellschaft mitverfasste Studie prognostiziert täglich 200.000 Fahrzeuge bis 2030. Im wesentlichen Berufsverkehr, der jeden Morgen in die Stadt hineindrängt und am Abend wieder hinaus. Eine alternative Verlagerung des Verkehrs auf öffentliche Verkehrsmittel kommt den Autobahnfreunden in der hessischen CDU-SPD-Landesregierung scheinbar nicht in den Sinn. Kritiker verweisen auf enorme Lärm- und Umweltschäden, zusätzliche Emissionen und die Zerschneidung sensibler Ökosysteme. Und man muss immer wieder betonen: Auch bei E-Autos verursacht der Reifenabrieb giftigen Feinstaub. Mehr Spuren bedeuten letztlich nur eines – mehr Verkehr, wie Beispiele aus London oder Los Angeles zeigen.
Die Rhein-Main-Region wird durch die überdimensionierten neuen Autobahnprojekte, die direkt an der Stadt vorbeilaufen oder sie sogar zerschneiden, zu einem politischen Brennpunkt der Verkehrspolitik. Neben der A5 steht die A66 im Fokus. Die Autopiste soll im Norden direkt durch die Großstadt Frankfurt führen und sie zerschneiden. Ein völlig verrücktes Projekt. Betroffen wären ganze Stadtteile, Schutzgebiete und Wohnquartiere. Der Widerstand der Bevölkerung ist groß, die Sorgen vor gesundheitlichen Folgen durch Lärm und Feinstaub ebenfalls. Die Erweiterung der A5 gefährdet außerdem geplante Stadtentwicklungsprojekte – unter anderem einen neuen Stadtteil für 17.000 Menschen.
Während die hessische Landesregierung auf mehr Autobahnbau setzt, hat sich die Stadt Frankfurt klar dagegen positioniert: Kein Ausbau der A5 oder der A66. Oberbürgermeister Mike Josef verweist auf die negativen Auswirkungen für Stadtklima, Luftzirkulation und Gesundheit. Dennoch entscheiden letztlich die bundeseigene Autobahn GmbH und das CDU-geführte Bundesverkehrsministerium, die offensichtlich weiterhin auf Asphalt statt auf eine autoreduzierte Zukunft setzt.
Die Alternative liegt auf der Schiene – und wurde doch jahrzehntelang vernachlässigt. Der S-Bahn-Ausbau im Norden von Frankfurt von Bad Vilbel bis Friedberg stockt seit Jahren. Auch die Strecke nach Gießen müsste eigentlich dringend viergleisig ausgebaut werden. Passiert ist allerdings viel zu wenig. Mit massiven Investitionen in den Bahnverkehr ließen sich die Verkehrsprobleme im Ballungsraum nachhaltig und klimafreundlich lösen – ganz ohne zehnspurige Monsterautobahnen.
Fazit:
Die aktuelle Straßenbaupolitik der Bundesregierung ignoriert bei vielen Projekten die Klimaziele. Das führt zu Umweltzerstörung und auch oftmals direkt gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung. Während andere Länder ihre Verkehrsstrategien konsequent auf nachhaltige Mobilität umstellen, setzt Deutschland weiter auf Beton. Ein Irrweg – teuer, klimaschädlich und nicht zukunftsfähig. Es ist höchste Zeit für eine Verkehrswende. Nicht auf dem Papier, sondern mit Eisenbahnen auf den Schienen.
[1] BERLIN AKTUELL, Newsletter von Patrick Schnieder MdB, 28.06.2024, https://www.cdu-vulkaneifel.de/data/documents/2024/07/03/6-66859d1f1214e.pdf
[2] Warum Straßenbau kein Mittel gegen Staus ist, Handelsblatt, 12.10.2009
[3] Wie die Deutschen sich das Verkehrssystem der Zukunft vorstellen, Redaktionsnetzwerk Deutschland, 08.11.2024